Eine echte Zinswende wird es nicht geben

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Mann auf Zinsberg

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Die Inflation steigt stetig und die jüngsten Konjunkturprognosen geben nicht unbedingt Anlass für Optimismus. Dennoch verhalten sich die Kapitalmärkte relativ stabil. Was bedeutet dies für die Anlegerinnen und Anleger? Wir sprachen im Vorfeld unseres Online-Börsenabends am 9. November mit dem Referenten Robert Halver.

Der Börsenexperte Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrungen als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist einem breiten Anlegerpublikum bekannt.

Börsenexperte Robert Halver
Robert Halver, Bildquelle: Börse München

Herr Halver, in den USA fällt immer häufiger der Begriff Tapering, also das Ende oder besser die Eindämmung der geldpolitischen Unterstützungsmaßnahmen durch die US-amerikanische Notenbank (FED). Ist nun mit einer Zinswende – auch seitens der Europäischen Zentralbank (EZB) – zu rechnen?

Robert Halver: Der Begriff Tapering, also die Liquiditätsdrosselung, wird ja zweifach benutzt: Erst einmal von den Notenbanken, die nun zeigen wollen, dass man es mit der Liquiditätsbekämpfung ernst nimmt. Denn zumindest auf dem Papier haben sie den Auftrag, die Inflation zu bekämpfen.Das andere ist aber, dass sich schon jetzt der Begriff bereits abnutzt. Im Endeffekt wird Tapering auch in Zukunft eher homöopathisch betrieben, um sagen zu können „Wir haben was gemacht“. Grundsätzlich wird sich aber an einer üppigen Liquiditätsausstattung durch günstige Zinsen nicht viel ändern.

Warum nicht?

Robert Halver: Die Überschuldung unserer Welt und die Notwendigkeit in Klimaschutz und in die Digitalisierung zu investieren, erfordern viel mehr Schulden, die von den Notenbanken refinanziert werden müssen. Die EZB hinkt sogar noch einen Schritt zurück. Denn die Europäische Zentralbank hat die große Aufgabe, als spendable Notenbank ganz Europa zusammenzuhalten. Sie muss weiterhin die Hilfsprogramme mit billigem Geld finanzieren.

Somit ist in Europa nicht mit einer Zinswende mittel- und langfristig zu rechnen?

Robert Halver: Das wird höchstens ein „Zinswendchen“. Wir werden schon höhere Renditen haben, aber diese Renditen werden niemals in der Lage sein, die Inflation einzuholen. D.h. die Inflation wird weiterhin über den Anlagerenditen wie den Kreditzinsen für Staatsschulden und über dem Leitzins liegen. Solange eine Notenbank zuschaut, dass die Inflation höher ist als der Zins, haben wir es nicht mit einer restriktiven Geldpolitik zu tun. Daher wird es nur ein Zinswendchen und keine Zinswende geben, wie wir es früher von einer deutschen Bundesbank kennen. Allein wegen Corona hat die Welt 15 % mehr an neuen Schulden angehäuft, und die nächste Schuldenkrise wird die letzte sein.

Die Inflation hat einen neuen Höchststand erreicht und ein Stückweit waren diese Preissteigerungen auch von der Finanzpolitik gewollt. Inwieweit lässt sich eine Inflation überhaupt kontrollieren oder ist bereits schon alles aus dem Ruder gelaufen?

Robert Halver: Inflation ist dann gefährlich, wenn sie galoppiert. Wir werden bis Ende des Jahres durchaus eine Inflationsrate von 5 % erreichen können.Jetzt nach Corona, wo alle gleichzeitig Rohstoffe, Vorprodukte und die Logistik nachfragen, steigen natürlich die Preise. Das wird sich im nächsten Jahr sicherlich beruhigen, wenn das Angebot wieder größer ist. Die Frage ist aber nun, wie dieser Inflationstrend etwa durch die Gewerkschaften weitergegeben wird. Ich gehe schon davon aus, dass wir mittelfristig eine höhere Inflationsrate haben als vor Corona-Krise. Allerdings nicht so hoch wie sie im Augenblick ist.

Ist eigentlich eine hohe Inflation generell gut für die Aktienmärkte?

Robert Halver: Früher war das nicht der Fall, weil dann die Bundesbank immer sehr zügig mit einer Zinsanhebung reagiert hat. Heute lassen die Notenbanken das eher laufen, weil die strukturellen Probleme wie Überschuldung und der Investitionsdruck für Klimaschutz und Digitalisierung sonst nicht beseitigt werden könnten. Kurz gesagt:

Eine Inflation, die von den Notenbanken nicht richtig bekämpft wird, ist gut für die Aktienmärkte.

Robert Halver

Außerdem fällt die größte Alternative unter den Anlageformen – das Zinssparen – weg. Solange die Inflation oberhalb der Zinsen bleibt, sind Aktien eine alternativlose Geldanlage.

Generell wird bei den Aktien zwischen Growth-  und Value-Werten unterschieden. Hinter den Growth-Werten stehen meist junge Unternehmen, die noch ein großes Steigerungspotenzial haben. Hinter den Value-Werten stehen gefestigte und etablierte Unternehmen. Sollten Anleger also jetzt in dieser „Inflations-Phase“ eher auf die Value-Werte setzen?

Robert Halver: Wir haben keine Situation wie die Internetblase zu Beginn des Jahrtausends. Das Niedrigzinsargument bekämpft nicht die Growth bzw. die High-Tech-Werte. Zudem stehen hinter den Social Media-, Robotik- und Cloud-Computing-Konzernen nachhaltig erfolgreiche Geschäftsmodelle, die noch längst nicht zu Ende sind. Amazon, Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft haben 2020 mehr Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt als alle DAX Konzerne im selben Zeitraum zusammen verdient haben. Gleichzeitig spricht aber auch viel für die Value-Werte, die im nächsten Jahr sicherlich wieder aufgrund der zu erwartenden Konjunktur ihre Auftragslage besser abarbeiten können. Growth- und Value, eigentlich muss man beides haben, was sich im Übrigen sehr gut über Fonds abdecken lässt.

Große Sorgen bereiten den Anlegern seit einiger Zeit die chinesischen Aktienwerte und nun auch die Probleme des Immobiliengiganten Evergrande. Befürchtet wird auch ein Dominoeffekt für die hiesigen Märkte.  Zu Recht?

Robert Halver: Evergrande hat als Drohkulisse keine Lehmann-Qualität, obwohl Evergrande vom Volumen her deutlich größer ist als die Lehmann-Pleite. Evergrande ist aber eine kontrollierte Pleite und damit eine Machtdemonstration der chinesischen Regierung. Wie der Teufel das Weihwasser fürchtet, hat die chinesische Regierung Angst vor Machtverlust. Es wird aber keinen Überschwappungseffekt geben. Die Kredite von Evergrande sind nicht verbrieft und wurden nicht in die ganze Welt verkauft. Zudem sind westliche Banken in China so gut wie nicht vertreten.

Man wird das Gefühl nicht los, es könnte zukünftig noch holpriger an den Märkten zugehen. Wie sollten Anleger, die vor allem langfristig Geld sparen wollen, nun strategisch vorgehen?

Robert Halver: Es ist völlig normal, dass die Börsen schwanken. Vergleicht man die aktuelle Entwicklung mit den Schwankungen der letzten 20 bis 30 Jahren, dann ist das nicht wirklich schlimm. Als wirksames Gegenmittel sehe ich für die Sparer Aktien-Sparpläne. Die Schwankungen sind das Argument für regelmäßiges Aktiensparen. Im Einkauf liegt nun einmal der Gewinn. Bei sinkenden Kurven bekommt der Sparer für den gleichen Euro mehr Aktienanteile. Man muss einfach mal anfangen und das ist jetzt die Möglichkeit. Bevor man nichts macht, lieber mit kleinen Beträgen ansparen und laufen lassen.

Und wie sieht es mit Gold oder andere Edelmetallen aus?

Robert Halver: Hier gilt meines Erachtens nach wie vor die Regel: bis 10 % des liquiden Vermögens sollten in Gold investiert sein, aber nicht mehr. Den Weltuntergangs-Theoretikern, die ausschließlich auf Gold setzen, sollte man nicht zu viel Gehör schenken. Als Inflationssicherheit und mit seiner Werterhaltungsfunktion ist Gold aber eine gute Alternative zu Anleihen. Es sollte nicht vergessen werden, dass die EZB seit 2008 sehr regelmäßig und sehr konsequent Gold kauft.

Veranstaltungstipp: Online-Börsenabend mit Robert Halver Am 9. November veranstaltet die Förde Sparkasse in Kooperation mit der Börse München von 18:30 bis 20:00 Uhr für alle Interessierten einen kostenlosen Online-Börsenabend. Der Referent Robert Halver wird in seinem Vortrag: „Erfolgsrezept(e) gegen Inflationsängste, Zinswende und Konjunkturdelle“ die aktuelle Gesamtwetterlage an den Kapitalmärkten skizzieren. Melden Sie sich bei Interesse einfach hier auf der Veranstaltungsseite an. Bitte beachten Sie dabei die Datenschutzhinweise der Börse München.

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