Unser Blick auf die Märkte: Unruhige Zeiten

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Zwar reden alle vom Klima, aber wir müssen heute über die Konjunktur sprechen. Diesbezüglich ist für Deutschland die Frage zu stellen, wie schlimm es noch werden kann. Zuletzt hat der starke Rückgang des Einkaufsmanagerindex für das deutsche Verarbeitende Gewerbe (= Industrie) die Beobachter alarmiert. Auch das ifo-Geschäftsklima signalisiert einen anhaltenden Abschwung der Industrie.

Konjunkturelle Talfahrt?

Allerdings fühlt sich die Lage nicht wie eine Rezession an. Der Arbeitsmarkt meldet Positivrekorde, die öffentlichen Haushalte erzielen Rekordeinnahmen und der DAX liegt in Schlagweite zu seinen Allzeithochs. Zwar ist die so sattsam diskutierte „technische Rezession“ (zwei Quartale schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt) wahrscheinlich bereits Realität. Aber wenn es jetzt in Sachen Brexit und Handelsstreit nicht im Sinne konstruktiver Lösungen vorangeht, dann dürfte eine längere Talfahrt der Konjunktur, ausgehend von der Industrie, kaum zu vermeiden sein. Dies mündet dann für gewöhnlich in eine ausgemachte Rezession. Im übrigen Europa, Italien vielleicht ausgenommen, scheint es zwar besser zu laufen, weil die Abhängigkeit von der (Auto-)Industrie geringer ist als bei uns. Aber auch die Euro-Konjunktur verliert an Schwung. Die jüngsten Maßnahmen der EZB, darunter die höchst umstrittenen neuerlichen Anleihenkäufe ab November im monatlichen Volumen von 20 Mrd. Euro, werden das Blatt wohl nicht so bald wenden.

Keine Überraschungen bei der Geldpolitik

In den Vereinigten Staaten hält der mit bislang zehn Jahren längste Aufschwung der US-Wirtschaftsgeschichte an, die zuletzt von der amerikanischen Notenbank ergriffenen Maßnahmen könnten weitere Zeit kaufen. Die US-Notenbank (Fed) hatte den Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25% auf 1,75% bis 2% gesenkt. Als Begründung für den Zinsschritt dienten, wie bereits im Juli, die Vielzahl an globalen Risikofaktoren für die amerikanische Konjunktur (Handelskonflikte und Brexit). Aktuell kämpft die Fed mit der Kontrolle der Geldmarktsätze – früher oder später dürfte dies in eine Wiederausweitung der Bilanzsumme münden.

Bezüglich der Notwendigkeit weiterer Leitzinssenkungen ist zwar die Meinung bei der Fed gespalten – solange die hohe globale Unsicherheit anhält, dürfte der Kurs allmählicher Senkungen jedoch fortgesetzt werden. In China verläuft die Verlangsamung der Entwicklung in erwarteten Bahnen und weitgehend unkritisch. Hoffnungen auf eine Stabilisierung des konjunkturellen Umfelds ruhen unverändert auf zusätzlichen expansiven Maßnahmen der Notenbanken. Sowohl die EZB als auch die Fed dürften aber nach ihren jüngsten geldpolitischen Lockerungsschritten aus Sicht der LBBW im Oktober keine erneute Anpassung der Geldpolitik vornehmen.

In China verläuft die Verlangsamung der Entwicklung in erwarteten Bahnen und weitgehend unkritisch. Hoffnungen auf eine Stabilisierung des konjunkturellen Umfelds ruhen unverändert auf zusätzlichen expansiven Maßnahmen der Notenbanken. Sowohl die EZB als auch die Fed dürften aber nach ihren jüngsten geldpolitischen Lockerungsschritten aus Sicht der LBBW im Oktober keine erneute Anpassung der Geldpolitik vornehmen.

Hard-Brexit abgewendet?

Tagelang hat eine kleine Gruppe von Unterhändlern in Brüssel um einen Brexit-Deal gerungen. Offenbar mit Erfolg. Der Hard-Brexit scheint abgewendet. Der britische Premier Boris Johnson ist der EU in der Nordirlandfrage entgegengekommen. Nordirland soll de facto in der Zollunion mit der EU bleiben, was wiederum Zollkontrollen zwischen Großbritannien und der britischen Provinz Nordirland erforderlich machen würde. Die geplante Lösung: Bei Waren aus nichteuropäischen Ländern, die in die EU gelangen könnten, sollen die britischen Behörden EU-Zölle erheben. Damit bliebe die Grenze auf der irischen Insel offen. Nun müssen noch die Parlamente dem Kompromiss zustimmen. Während der „Deal“ im EU Parlament wahrscheinlich schnell durchgewinkt wird, scheint das für das britische Unterhaus keinesfalls sicher zu sein. Schließlich hat die nordirische Partei der Unionisten (DUP) bereits ihren Widerstand angekündigt. Am Samstag wird es in Westminster zum Showdown kommen, Ausgang ungewiss.

Handelsstreit: Zeichen stehen auf Entspannung

Die Hoffnung auf einen kleinen Deal im US-chinesischen Handelsstreit, welche die Kaufrally in der Vorwoche ausgelöst hatte, blieb zum Teil unerfüllt. Die Zeichen stehen zwar auf Entspannung, allerdings haben beide Länder unterschiedliche Einschätzungen zum Stand der Dinge: US-Präsident Donald Trump spricht von einer partiellen Einigung, während China lediglich von Fortschritten bei den Gesprächen spricht. Wichtig für die Märkte ist vor allem, dass die USA auf neue Zollerhöhungen in der dieser Woche verzichten werden.
Zudem besteht Peking laut einem Medienbericht auf weiteren Gesprächen mit den USA, bevor es ein solches Abkommen unterzeichnen will. Schon Ende Oktober wolle China weitere Gespräche führen, um Details zu klären, berichtete Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise. Die jüngste Vereinbarung wurde nicht schriftlich fixiert und nur grundsätzlich getroffen.

Defensive Branchenausrichtung

Im ersten Jahresdrittel wurde der Aufschwung an den Aktienmärkten getragen von der guten Wertentwicklung zyklischer Titel, auch als Reaktion auf den Ausverkauf im vierten Quartal 2018. Seit Mai änderte sich die Favoritenrollte, sogenannte defensive Sektoren waren gefragt. Bis in den August hinein entwickelten sich Nahrungsmittel-, Pharma-, Telekom- und Versorgeraktien besser als der Gesamtmarkt. Während der Stabilisierung im September bauten Anleger wieder Positionen in zyklischen Sektoren auf. Die LBBW hält vorerst an der eher defensiveren Branchenausrichtung festhalten. Für einen größeren Shift in Richtung konjunktursensibler Branchen wie Industrie und Chemie dürfte es angesichts des nach wie vor schwierigen Umfelds noch zu früh sein.

Ausblick

Der Aktienmarkt dürfte nach dem guten bisherigen Jahresverlauf bereits viel Positives vorweggenommen haben, insbesondere in puncto Unterstützung durch die Notenbanken. Im Vergleich zu anderen Anlageklassen erscheinen Aktien allerdings derzeit fair bewertet. Insbesondere defensive Titel werden zunehmend als Ersatz für Unternehmensanleihen entdeckt. Es herrscht weder überschäumende Euphorie noch Überoptimismus – Aktien dürften daher weiterhin Nachholbedarf in den Portfolien haben.

Florian Unrau

Über den Autor: Florian Unrau ist bei der Förde Sparkasse Leiter der Aktiven Depotbetreuung. Er berät mit seinem fünfköpfigen Team Kunden individuell bei der Suche nach der optimalen Anlagestrategie.

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