Coronavirus – „Die Kursrückgänge werden aufgeholt, aber nicht in wenigen Wochen“

Ein Interview mit Deka-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater

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Corona

Herr Dr. Kater, wie schätzen Sie die Einbrüche der Aktienmärkte in den letzten Wochen ein?

Kater: In einer nie dagewesenen Geschwindigkeit haben sich durch den Coronavirus und die daraus entstandene Pandemie die konjunkturellen Aussichten für die gesamte Weltwirtschaft gedreht. Der zeitversetzte weitgehende Shutdown in Asien, Europa und Amerika führt zu einer weltweiten Rezession, deren Ausmaß am ehesten mit der Lehman-Rezession vor gut zehn Jahren vergleichbar ist.
Aus einem weltweiten Aufschwung wurde nur innerhalb von wenigen Tagen eine Blitzrezession. Kein Ereignis in der modernen Wirtschaftsgeschichte hat zu Friedenszeiten den Konjunkturausblick für die gesamte Weltwirtschaft in so kurzer Zeit komplett gedreht. Es kam zur Kursverlusten von 30 Prozent und mehr.

Wurde die Gefahr des Virus für die Wirtschaft komplett unterschätzt?

Kater: Bis auf eine kurze Irritation Ende Januar nahm die Börse keine Notiz von der neuen Krankheit. Das Coronavirus schien in China noch weit weg zu sein. Mittlerweile haben über 170 Länder Corona-Fälle gemeldet. Damit war auch die Unbesorgtheit an den Börsen dahin. Während bis dahin nur die Einschränkungen bei den weltweiten Produktionsketten eingerechnet waren, kam jetzt die Aussicht auf wirtschaftliche Beschränkungen bis hin zur Schließung kompletter Sektoren auch auf die Europäische Union und auf die USA zu. 

Soll ich meine Aktien jetzt verkaufen?

Kater: Panik und Hektik sind keine guten Anlageberater. Aufgrund der Verunsicherung sollten Anleger jetzt nicht hektisch ihre Wertpapiere verkaufen. Das gilt umso mehr, wenn sie einen langfristigen Anlagehorizont haben. Für Privatanleger ist es sinnvoll, auch größere Kursrückgänge auszusitzen. Erst mit dem Verkauf werden die Verluste realisiert. Kursrücksetzer gehören zur Börsenwelt wie die Anzeigetafel im Börsenraum – aber eben auch die nachfolgende Erholung. Die historische Erfahrung sprich eindeutig dafür, dass Kursrücksetzer über die Zeit wieder ausgeglichen werden. Und der sprichwörtlich teuerste Satz an der Börse lautet, dass es diesmal anders sein wird. Außerdem ist es mit dem richtigen Verkaufszeitpunkt eine recht verzwickte Sache. Meist realisiert man viel zu spät, dass die Märkte wieder nach oben gedreht haben und man verpasst nach dem Verkauf den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg.

Sollen Anleger jetzt die niedrigen Kurse nutzen und Aktien kaufen?

Kater: Deutliche Kursrückgänge sind unter langfristigen Gesichtspunkten eine gute Gelegenheit für den Einstieg. Den vermeintlich „richtigen“ Zeitpunkt zu erkennen, ist so etwas wie der heilige Gral an den Aktienmärkten: es findet ihn niemand. Anleger sollten daher geplant vorgehen und Stück für Stück in kleinen Portionen Wertpapiere kaufen. So kann von noch günstigeren Einstiegspreis profitiert werden. Gleichzeitig verringert sich das Risiko, da der Kaufzeitraum gestreckt wird. 

Wie funktioniert das genau?

Kater: Mit dem regelmäßigen Kauf von Aktien mithilfe von Aktiensparplänen kaufen Sparer langfristig zu guten Durchschnittspreisen. Sie profitieren vom Durchschnittskosteneffekt. Wer regelmäßig und langfristig einen festen Betrag spart, muss keine Entscheidungen über den richtigen Kaufzeitpunkt treffen. Denn: Bei tieferen Kursen werden mehr Fondsanteile für eine gleichbleibende Sparrate erworben als bei höheren Preisen. 

Wie sieht es beim Gold aus?

Kater: In der jetzigen Krise zeigt sich, dass Gold als so genannte Krisenwährung nicht das hält, was es in der Vergangenheit vermuten ließ. Das Gold hat ebenso wie fast alle anderen Anlageklassen an Wert verloren, und unterliegt derzeit großen Schwankungen. Gold sollte meines Erachtens in einer breit aufgestellten Geldanlage eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Muss ich um meine Altersvorsorge fürchten?

Kater: Im Moment der Krise sehen die Dinge oft betrüblich aus. Aber die Aktienanlage mit dem Motiv der Altersvorsorge ist eine sehr langfristige Anlage. Rückschläge wurden an den Aktienmärkten stets mehr als ausgeglichen wurden. Das wird auch in Zukunft so sein. Denn langfristig sind auch in der Vergangenheit die Aktienmärkte unter Schwankungen und Rückschlägen gestiegen. Und auch nach der Corona-Krise wird die Weltwirtschaft wieder auf ihren Wachstumspfad zurückfinden. Die Märkte werden die Kursrückgänge aufholen, auch wenn dies nicht gleich innerhalb von wenigen Wochen geschieht.

Sollte die Anlagestrategie nun geändert werden, beispielsweise völlig auf Aktien zu verzichten?

Kater: Nein, denn nach wie vor gelten die Vorteile einer breit gestreuten Wertpapieranlage: Wer jetzt in einzelne Titel investiert ist, muss jeweils abschätzen, ob das Unternehmen die Krise überhaupt übersteht. Wer völlig auf Wertpapier verzichtet, wird auch nicht von den langfristigen Wachstumsperspektiven partizipieren. Aktienfonds bieten ein solch breit gestreute Wertpapieranlage. Hier ist es die Aufgabe des Fondsmanagers abzuwägen und die Anlageentscheidungen zu treffen. 

Sollte ich jetzt doch die niedrigen Zinsen aussitzen und abwarten bis diese wieder steigen?

Kater: Die Zinsen bleiben verschwunden. Das wird die aktuelle Krise verlängern, denn die Notenbanken haben gerade das Zinsniveau noch weiter nach unten gesenkt und damit noch fester verankert. Ein Hoffen auf die Rückkehr von Zinsen auf den Sparbüchern ist damit unrealistisch. Die Zentralbanken stellen viel Geld bereit, von denen ein Teil wieder am Aktienmarkt landet. Für den langfristigen Sparer ist das Sparbuch keine Alternative. Bislang für sinnvoll befundene Aktienanteile und Sparpläne sind und bleiben attraktiv.
In einer nie dagewesenen Geschwindigkeit haben sich durch den Coronavirus und die daraus entstandene Pandemie die konjunkturellen Aussichten für die gesamte Weltwirtschaft gedreht. Der zeitversetzte weitgehende Shutdown in Asien, Europa und Amerika führt zu einer weltweiten Rezession, deren Ausmaß am ehesten mit der Lehman-Rezession vor gut zehn Jahren vergleichbar ist.
Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es jedoch auch gravierende Unterschiede. Sofern die Pandemie in Europa und in den USA in ähnlicher Geschwindigkeit wie in China bekämpft werden kann und keine großen Reinfektionswellen auftreten, besteht die Hoffnung, dass die Rezession deutlich schneller wieder vorbei ist als nach der Finanzkrise.
Das Gros der konjunkturellen Bremseffekte erwarten wir für April. Danach bauen sich die Belastungen bis zum Quartalsende allmählich ab. Echte neue konjunkturelle Schubkraft wird erst im dritten Quartal wieder schrittweise entfaltet.

Wie sieht es Ihrer Ansicht mittelfristig aus?

Kater: Wer auf einen positiven Rückprall hofft, der den Einbruch schnell wieder kompensiert, könnte enttäuscht werden. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens treten in den USA die negativen Folgen des Coronavirus mit etwas Verzögerung auf und wirken dann in der ersten Phase der Erholung in Europa noch bremsend. Zweitens sind in dieser Krise nicht nur die Industrie, sondern auch in einem ungewöhnlich hohen Maße die Dienstleistungsbranchen betroffen. Hier wird nicht jeder Nachfrageausfall schnell nachgeholt werden.
Das Gros der Nachholeffekte erwarten wir für den Spätsommer und den Herbst. Damit kommt es zu einem sehr hohen statistischen Überhang für das kommende Jahr, der rund die Hälfte des kräftigen Anstiegs des Eurozonen-Bruttoinlandsprodukts (Prognose 2021: 2,5 %) ausmachen wird. Für das laufende Jahr erwarten wir dagegen eine Schrumpfung um minus 1,7 %.

Ist das Tal an den Aktienbörsen bereits durchschritten oder wird es noch weiter an unten gehen?

Kater: Die Reaktionen an den Wertpapiermärkten waren Mitte März nicht anders als mit Panik zu beschreiben. Aktienmärkte verzeichneten Einbrüche bis zu 30 Prozent. Die im DAX-Index notierten Unternehmen weisen derzeit einen Buchwert von rund 8.700 Punkten aus. Kurse unterhalb der Buchwerte deuten die Erwartung einer tiefen, lange anhaltenden Rezession an. Damit ist klar, dass der weitaus größte Teil des Kurssturzes bereits hinter uns liegt. Kurse unterhalb der Buchwerte zeigen extreme Risikoaversion an. Diese ist in der Regel nur von kurzer Dauer. Allerdings wäre es sinnvoll, nicht mit einer schnellen Kurserholung zu rechnen. Es ist Geduld gefragt, denn jetzt dürfte zunächst eine hoch volatile Phase der Richtungssuche vor uns liegen. 

Können Sie schon absehen, wann die Kurse wieder steigen werden?

Kater: Nach unserer Auffassung ist kurzfristig der wichtigste Marktindikator die Kurve der Neuinfektionen. Sobald die Marktteilnehmer realisieren, dass der Hochpunkt der Ansteckungen auch in Europa und darauf in den USA erreicht ist, werden sie einen Normalisierungsprozess wie in China auch in wirtschaftlichen Hinsicht extrapolieren. Je früher dies der Fall ist, desto stärker werden die positiven Reaktionen an den Finanzmärkten ausfallen. Mit diesem Blick haben die Aktienprognosen in den kommenden drei Monaten auf einen breiten Korridor von 8.500 bis 10.500 DAX-Indexpunkten gelegt. Auf Sechs-Monatssicht erwarten wir 11.000 Punkte und in der Folge auf zwölf Monate mit einer weiteren Erholung der Konjunktur wieder 11.500 Punkte

Wie sollten sich Anleger aktuell verhalten?

Kater: Für Anleger stellt sich die Krise als ein Börsencrash aus heiterem Himmel, aber mit einer nachvollziehbaren Begründung – eben der Coronavirus – dar. Dies sollte auch ein wichtiger Unterschied zu anderen Börsencrashs sein: die Ursache ist identifizierbar und zeitlich begrenzt. Die angemessene Haltung für einen privaten Aktiensparer gegenüber solchen Ereignissen ist eine stoische Besonnenheit. Verluste werden dadurch erst Realität, dass man an solchen Tiefpunkten verkauft. Denn dann hat man nicht mehr die Chance, an der nachfolgenden Erholung der Märkte zu partizipieren, wie sie auch nach diesem Kursrutsch wieder stattfinden wird.

Bietet die Krise aktuell für Anleger auch die Möglichkeit in die Aktienmärkte einzusteigen?

Kater: An dieser Stelle zeigen sich auch die Vorteile einer breit gestreuten Wertpapieranlage. Wer jetzt in einzelnen Titel investiert ist, muss nun jeweils im Einzelfall sorgfältig abschätzen, ob das betreffende Unternehmen diese Krise überhaupt übersteht und wie schwer Geschäftsmodell oder Bilanz für die Zukunft geschwächt sind. Die breite Investition in den gesamten Aktienmärkt lässt solche Arbeit und Sorgen überflüssig werden. Hier wird die Erholung über kurz oder lang stattfinden. Sollte sich jetzt nicht noch eine dramatische Verschlechterung der Lage einstellen – Reinfektionswelle in China, Banken- oder Staatenkrise – haben die Aktienmärkte die jetzige Rezessionsperspektive in den Kursniveaus verarbeitet. Ob diese Risiken zuschlagen, wird sich in den kommenden ein oder zwei Wochen zeigen. Daher ist es auch jetzt nicht die Zeit, mit vollen Segeln in die Investition zu gehen.

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